Um geschlechtsspezifische Gewalt zu erklären und zu verstehen, ist es wichtig, zwischen Aggression und Gewalt zu unterscheiden. Aggression ist ein Verteidigungs- und Überlebensmechanismus: Sie ist instinktiv und wird kulturell reguliert. Gewalt dagegen beruht auf Macht und Kontrolle über eine andere Person. Sie ist damit ein kognitives und soziokulturelles Produkt, in das Rollen, Werte und Ideologien eingehen – ein erlerntes Verhalten, das Vorsatz und Absicht voraussetzt.
Man könnte sagen, dass Gewalt die Reaktion der gewalttätigen Person auf einen Angriff ist, der nur in ihrem Kopf existiert.
Wenn wir wissen, was Gewalt ist, lässt sich geschlechtsspezifische Gewalt als das Werkzeug definieren, das die Kontrolle und die Vorherrschaft des einen Geschlechts über das andere sicherstellt und die Ungleichheit in unserer Gesellschaft im Allgemeinen und in Paarbeziehungen im Besonderen aufrechterhält. Beide, Gewalt und Ungleichheit, verstärken sich gegenseitig; das eine kann ohne das andere nicht existieren.
Sie ist ein Instrument, mit dem Männer den Frauen, mit denen sie in einer Beziehung stehen, Verhaltensnormen auferlegen, die auf einem sexistischen Glaubenssystem beruhen – sei es im emotionalen, familiären, sozialen oder beruflichen Bereich –, um ihren Machtstatus zu erhalten.
Die Vereinten Nationen, die WHO und die Istanbul-Konvention definieren Gewalt gegen Frauen übereinstimmend als Gewalt, die Frauen trifft, weil sie Frauen sind. Sie betrachten diese Gewalt als Menschenrechtsverletzung und benennen die verschiedenen Formen, die sie unabhängig vom Alter der Betroffenen annehmen kann – bis hin zu pränataler Gewalt, wie im Fall der geschlechtsselektiven Abtreibungen in Ländern wie China und Indien.
Quellen: Europarat – Istanbul-Konvention · WHO – Violence against women · UN Women
All diese Gewalt beruht auf einer patriarchalen Gesellschaft, die seit Jahrtausenden Männern und Frauen aufgrund des Geschlechts unterschiedliche Rollen und Aufgaben zuweist und die vom kapitalistischen System, von den Staaten und von den jeweils geltenden Gesetzen gestützt wird.
Je nach Fachrichtung, aus der geschlechtsspezifische Gewalt betrachtet wird, werden ihre verschiedenen Formen unterschiedlich systematisiert. Mit anderen Worten: Das Rechtssystem geht anders an diese Formen heran als etwa die Psychologie aus einer geschlechtersensiblen Perspektive – oder erkennt sie gar nicht erst an.
Eine mögliche Einteilung wäre: psychische, physische und sexuelle Gewalt. Wir müssen dabei bedenken, dass alle Formen ineinandergreifen können und es manchmal schwierig ist zu bestimmen, wo die eine anfängt und die andere aufhört. In vielen Beziehungen kommt es zum Beispiel nicht unbedingt zu körperlicher Gewalt; psychische Gewalt aber gibt es in jeder missbräuchlichen Beziehung – sie bildet den Kern geschlechtsspezifischer Gewalt.
Eine andere Typologie könnte danach unterscheiden, ob es sich um aktives Tun, passives Verhalten oder Unterlassen des Täters handelt, ob es direkt oder indirekt wirkt, ob es sichtbar ist oder nicht (Eisberg der Gewalt), oder nach dem Kontext bzw. der Phase im Lebenszyklus der Frau oder des Mädchens.
Bei der Feststellung geschlechtsspezifischer Gewalt aus psychologischer Sicht ist es wichtig, sie niemals am verursachten Schaden zu bemessen, da dieser oft nicht beobachtbar ist. Vielmehr stützt sich die Beurteilung auf Kriterien wie Intensität, Häufigkeit und Vorsätzlichkeit.
Denn wer Gewalt am sichtbaren Schaden misst, zählt nur, was über der Wasserlinie liegt – und erklärt alles darunter zur Normalität.
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